Männergesundheit: Das Tabu am Arbeitsplatz brechen – Adon Health Zum Inhalt springen
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Das Schweigen im Betrieb: Warum Männer Symptome verschweigen – und was Führungskräfte ändern können

Das Schweigen im Betrieb: Warum Männer Symptome verschweigen – und was Führungskräfte ändern können

Inhaltsverzeichnis

    Kurz & knapp: Männer melden sich seltener krank, nehmen Vorsorge seltener wahr und suchen bei psychischen Belastungen später Hilfe – während sie zugleich rund 71 Prozent der Suizide in Deutschland ausmachen. Dieser Beitrag ordnet die Zahlen ein, erklärt die Forschungslage zum Hilfesuchverhalten und beschreibt, was Führungskräfte konkret tun können – und wo ihre Rolle endet.

    Es gibt einen Satz, den Führungskräfte häufig hören und fast immer für harmlos halten: „Alles gut, bin nur ein bisschen müde." Er ist in der Regel das Ende des Gesprächs. Manchmal ist er auch der einzige Hinweis, den jemand über Monate gibt.

    Männergesundheit am Arbeitsplatz scheitert selten am Angebot. Sie scheitert meistens daran, dass niemand sagt, dass er es braucht. Dieses Schweigen ist gut untersucht, es hat nachvollziehbare Gründe, und es ist – anders als die individuelle Gesundheit einzelner Beschäftigter – etwas, das Unternehmen tatsächlich beeinflussen können.

    Was die Zahlen zeigen

    Beginnen wir mit dem Befund, der die Dringlichkeit am deutlichsten macht. Nach Angaben des Statistischen Bundesamtes beendeten im Jahr 2024 in Deutschland 10.372 Menschen ihr Leben durch Suizid. Rund 71,5 Prozent davon waren Männer (Statistisches Bundesamt, 2025). Diese Verteilung ist über Jahrzehnte hinweg bemerkenswert stabil – und sie steht in auffälligem Kontrast zur Diagnosestatistik, in der Depressionen bei Frauen häufiger erfasst werden.

    Ein zweiter Befund betrifft die Versorgung insgesamt. Nach den Basisdaten der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde ist etwa ein Viertel bis knapp ein Drittel der erwachsenen Bevölkerung innerhalb eines Jahres von einer psychischen Erkrankung betroffen – aber nur ein Bruchteil nimmt Kontakt zu Behandlerinnen und Behandlern auf. Selbst bei schwerer Depression erhält nur etwa ein Viertel der Betroffenen eine leitliniengerechte Behandlung (DGPPN, 2025).

    Auch in der allgemeinen Vorsorge zeigt sich ein Muster. Die bundesweite Studie GEDA 2019/2020-EHIS des Robert Koch-Instituts fand, dass rund 80 Prozent der Frauen, aber nur etwa 70 Prozent der Männer innerhalb eines Jahres ihren Blutdruck kontrollieren ließen (Robert Koch-Institut, 2021).

    Und in der betrieblichen Statistik? Dort erscheinen Männer als die gesündere Gruppe. Nach dem Gesundheitsreport 2025 der Techniker Krankenkasse fehlten Männer 2024 im Schnitt 17,2 Tage, Frauen 21,3 Tage; bei den Fehltagen aufgrund psychischer Störungen liegen Männer mit 291 Tagen je 100 Versicherungsjahre deutlich unter den 471 Tagen der Frauen (Techniker Krankenkasse, 2025). Der Gesundheitsbericht des BGF-Instituts zeigt zudem, dass 60,2 Prozent der Männer gegenüber 67,0 Prozent der Frauen im Jahr überhaupt mindestens eine Arbeitsunfähigkeit hatten (BGF-Institut, 2025).

    Diese Zahlen nebeneinandergelegt ergeben ein Bild, das sich schwer anders deuten lässt: Männer erscheinen in den Statistiken, die Inanspruchnahme messen, als weniger belastet – und in den Statistiken, die Endpunkte messen, als stärker gefährdet. Die Lücke dazwischen ist das Schweigen.

    Warum Männer schweigen

    Die Forschung hierzu ist umfangreich und erstaunlich konsistent. Eine Literaturübersicht im Journal of Advanced Nursing wertete Studien aus mehreren Ländern aus und kam zu dem Schluss, dass Männer bei gesundheitlichen Problemen später Hilfe suchen als Frauen, und dass traditionelle Männlichkeitsvorstellungen dabei eine zentrale Erklärungsrolle spielen. Die Autoren weisen ausdrücklich darauf hin, dass Männer keine einheitliche Gruppe sind – sozioökonomischer Status und kultureller Hintergrund beeinflussen das Verhalten erheblich (Galdas, Cheater & Marshall, 2005).

    Eine qualitative Untersuchung mit jungen Männern arbeitete die Barrieren im Detail heraus: die Sorge um die Akzeptanz im Umfeld, Selbstmedikation mit Alkohol, Vorbehalte gegenüber professioneller Hilfe und Befürchtungen hinsichtlich der Reaktion von Fachpersonen. Bemerkenswert ist der zweite Teil dieser Studie: Die Teilnehmer benannten selbst, was helfen würde – eine zugeschnittene Ansprache, niedrigschwellige und erreichbare Angebote sowie die Einbettung von Gesundheitsthemen in Kontexte, in denen sie sich ohnehin bewegen (Lynch, Long & Moorhead, 2016).

    Der Arbeitsplatz ist genau ein solcher Kontext. Das ist die eigentliche Chance – und zugleich die Verantwortung.

    Was hinter „nur müde" stecken kann

    Die Schwierigkeit für Führungskräfte besteht darin, dass die frühen Signale unspezifisch sind. Nachlassende Konzentration, Gereiztheit, Rückzug aus dem Kollegenkreis, vermehrte Fehler bei Routineaufgaben, eine deutlich verlängerte Erholungszeit nach Belastungsphasen. Diese Zeichen können vieles bedeuten.

    Sie können Ausdruck einer psychischen Erkrankung sein. Sie können auf eine körperliche Ursache hindeuten – Schlafapnoe, Schilddrüsenerkrankungen, ein gestörter Zuckerstoffwechsel. Und sie können eine hormonelle Komponente haben. Die European Male Ageing Study untersuchte 3.369 Männer zwischen 40 und 79 Jahren und fand, dass Symptome wie Depressivität, Erschöpfung und eingeschränkte körperliche Leistungsfähigkeit statistisch mit dem Testosteron-Spiegel zusammenhängen – wobei nur ein bestimmtes Muster sexueller Symptome eine belastbare syndromale Verbindung zu niedrigen Werten zeigte (Wu et al., 2010).

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    Der letzte Halbsatz ist wichtig, und er sollte in der betrieblichen Kommunikation nicht unterschlagen werden: Müdigkeit ist kein zuverlässiger Marker für einen Testosteronmangel. Wer das behauptet, verkauft eine Vereinfachung. Was zutrifft: Die Symptome überschneiden sich so stark, dass eine Selbsteinschätzung nicht funktioniert und eine ärztliche Abklärung mit Laborwerten der einzig sinnvolle Weg ist.

    Für Führungskräfte folgt daraus eine entlastende Erkenntnis. Sie müssen nicht wissen, was los ist. Sie müssen nur dafür sorgen, dass es einen einfachen Weg gibt, es herauszufinden.

    Was Führungskräfte konkret tun können

    Beobachtung ansprechen, nicht Diagnose stellen. Der Unterschied liegt in der Formulierung. „Mir ist aufgefallen, dass Du in den letzten Wochen häufiger länger bleibst und die Abstimmungen zäher laufen als sonst – wie geht es Dir damit?" ist eine Beobachtung. „Bist Du depressiv?" ist eine Zuschreibung, auf die es im Arbeitskontext nur eine Antwort gibt: „Nein, alles gut."

    Nicht in der Tür führen. Solche Gespräche brauchen Zeit und einen Raum ohne Publikum. Ein Vieraugengespräch mit vereinbartem Termin signalisiert, dass die Frage ernst gemeint ist. Zwischen Tür und Angel signalisiert das Gegenteil.

    Auf Angebote hinweisen, ohne zu drängen. Die Rolle der Führungskraft endet beim Hinweis. „Es gibt X, das läuft unabhängig von uns und ich erfahre nichts darüber" ist die vollständige Botschaft. Nachfassen, ob jemand das Angebot genutzt hat, ist ein Übergriff und beschädigt das Vertrauen dauerhaft.

    Eigenes Verhalten als Signal begreifen. Führungskräfte, die selbst Vorsorgetermine offen im Kalender stehen lassen, die erwähnen, dass sie am Gesundheitsvortrag teilnehmen, die im Urlaub nicht erreichbar sind – solche Personen verändern, was im Team als normal gilt. Das ist der wirksamste Hebel überhaupt und kostet nichts.

    Sprache prüfen. „Wer hält durch, kommt weiter" ist in vielen Unternehmen kulturell tief verankert, oft ohne dass es jemand ausspricht. Wenn Belastbarkeit im Team offen als Tugend gefeiert wird, ist jede Krankmeldung ein Statusverlust. Wer das ändern will, muss anfangen, Erholung ebenso selbstverständlich zu erwähnen wie Einsatz.

    Anonyme Zugänge schaffen. Die entscheidende strukturelle Maßnahme ist, dass Beschäftigte Angebote nutzen können, ohne dass jemand im Unternehmen davon erfährt. Heimtests, digitale Formate und externe Ansprechstellen erfüllen diese Bedingung. Alles, was eine Anmeldung über den Vorgesetzten oder einen Termin während der Kernarbeitszeit erfordert, filtert genau die Menschen heraus, die es am dringendsten bräuchten.

    Wo die Rolle der Führungskraft endet

    Diese Grenze klar zu ziehen ist im Sinne aller Beteiligten.

    Führungskräfte diagnostizieren nicht. Sie beurteilen keine Gesundheitszustände, sie interpretieren keine Symptome und sie bewerten Leistungsschwankungen nicht als medizinische Befunde. Wer das tut, überschreitet nicht nur seine Kompetenz, sondern schafft ein arbeitsrechtliches Risiko.

    Führungskräfte erhalten keine Gesundheitsdaten. Gesundheitsdaten sind nach Art. 9 DSGVO besonders geschützt. Ein Programm, in dem Ergebnisse in irgendeiner Form an Vorgesetzte zurückfließen, ist nicht nur rechtlich angreifbar, sondern praktisch wertlos – es wird niemand nutzen.

    Und Führungskräfte sind keine Therapeuten. In einer akuten Krise ist die richtige Handlung nicht das gute Gespräch, sondern die Vermittlung an professionelle Hilfe.

    Wichtiger Hinweis: Wenn Sie sich um eine Person in Ihrem Umfeld ernsthaft sorgen oder selbst in einer belastenden Situation sind: Die Telefonseelsorge ist rund um die Uhr kostenfrei unter 0800 111 0 111 und 0800 111 0 222 erreichbar. In akuten Notfällen wählen Sie den Notruf 112.

    Was Unternehmen strukturell verändern können

    Individuelles Verhalten von Führungskräften wirkt, aber es trägt nur so weit, wie die Strukturen es zulassen. Drei Ansatzpunkte sind besonders wirksam.

    Die Gefährdungsbeurteilung ernst nehmen. § 5 Arbeitsschutzgesetz verpflichtet Arbeitgeber seit 2013 ausdrücklich dazu, auch psychische Belastungen bei der Arbeit zu beurteilen. Diese Pflicht besteht ohnehin – sie lässt sich nutzen, indem die Auswertung nach Geschlecht und Tätigkeitsgruppe differenziert wird und die Ergebnisse tatsächlich in Maßnahmen münden.

    Themen sagbar machen, bevor sie akut werden. Ein Vortrag über Herz, Hormone, Psyche und Prostatagesundheit erfordert von niemandem eine persönliche Offenlegung – und verändert doch, worüber im Unternehmen gesprochen werden darf. Diese Wirkung wird regelmäßig unterschätzt, weil sie sich nicht in Beteiligungsquoten abbilden lässt. Sie zeigt sich Monate später, wenn jemand ein Angebot nutzt, von dem er im Vortrag erfahren hat.

    Zugänge außerhalb der Betriebsstruktur anbieten. Externe, ärztlich begleitete Angebote haben gegenüber innerbetrieblichen Lösungen einen entscheidenden Vorteil: Sie sind glaubhaft unabhängig. Genau darauf zielt der gestufte Aufbau, den wir auf unserer Seite Männergesundheit für Unternehmen beschrieben haben – von Vorträgen über digitale Lernformate bis zur Labordiagnostik mit ärztlicher Auswertung.

    Fazit

    Das Schweigen von Männern über ihre Gesundheit ist kein Charakterzug, sondern ein erlerntes Muster mit gut dokumentierten Ursachen. Es lässt sich nicht durch Appelle auflösen, aber durch Strukturen erheblich abschwächen: durch Angebote, die niemanden sichtbar machen, durch Führungskräfte, die Beobachtungen statt Diagnosen ansprechen, und durch eine Unternehmenskultur, in der Erholung ebenso selbstverständlich erwähnt wird wie Einsatz.

    Die Aufgabe der Führungskraft ist dabei kleiner, als viele befürchten. Sie besteht nicht darin, zu erkennen, was jemandem fehlt. Sie besteht darin, den Weg dorthin so kurz und so diskret wie möglich zu machen – und dann aus dem Weg zu gehen.

     

    FAQS

    Quellen

    BGF-Institut. (2025). Gesundheitsbericht Frauen und Männer 2025. Institut für Betriebliche Gesundheitsförderung, Datenbasis AOK Rheinland/Hamburg. https://www.bgf-institut.de

    Deutsche Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde. (2025). Basisdaten Psychische Erkrankungen (Stand Februar 2025). https://www.dgppn.de

    Galdas, P. M., Cheater, F., & Marshall, P. (2005). Men and health help-seeking behaviour: Literature review. Journal of Advanced Nursing, 49(6), 616–623. https://doi.org/10.1111/j.1365-2648.2004.03331.x

    Lynch, L., Long, M., & Moorhead, A. (2016). Young men, help-seeking, and mental health services: Exploring barriers and solutions. American Journal of Men's Health, 12(1), 138–149. https://doi.org/10.1177/1557988315619469

    Robert Koch-Institut. (2021). Inanspruchnahme von Gesundheitsleistungen – Ergebnisse aus GEDA 2019/2020-EHIS. Journal of Health Monitoring, 6(3). https://www.rki.de

    Statistisches Bundesamt. (2025). Zahl der Todesfälle aufgrund von Suizid 2024 leicht gestiegen. https://www.destatis.de

    Techniker Krankenkasse. (2025). Gesundheitsreport 2025 – Arbeitsunfähigkeiten. https://www.tk.de

    Wu, F. C. W., Tajar, A., Beynon, J. M., Pye, S. R., Silman, A. J., Finn, J. D., O'Neill, T. W., Bartfai, G., Casanueva, F. F., Forti, G., Giwercman, A., Han, T. S., Kula, K., Lean, M. E. J., Pendleton, N., Punab, M., Boonen, S., Vanderschueren, D., Labrie, F., & Huhtaniemi, I. T. (2010). Identification of late-onset hypogonadism in middle-aged and elderly men. The New England Journal of Medicine, 363(2), 123–135. https://doi.org/10.1056/NEJMoa0911101