Was ist eine Androgenrezeptorresistenz?
Eine Androgenrezeptorresistenz bezeichnet eine seltene angeborene Erkrankung, bei der die Körperzellen nur eingeschränkt oder gar nicht auf männliche Sexualhormone wie Testosteron oder Dihydrotestosteron (DHT) reagieren. Ursache sind Veränderungen (Mutationen) im Androgenrezeptor, der die Wirkung dieser Hormone in den Zellen vermittelt.
Obwohl die Testosteronspiegel normal oder sogar erhöht sein können, kann die Hormonwirkung deutlich vermindert sein. Die Beschwerden entstehen daher nicht durch einen Mangel an Testosteron, sondern durch eine verminderte Empfindlichkeit der Zielzellen gegenüber Androgenen.
Je nach Ausprägung kann die Androgenrezeptorresistenz zu sehr unterschiedlichen klinischen Erscheinungsbildern führen.
Wie entsteht eine Androgenrezeptorresistenz?
Damit Testosteron und DHT ihre Wirkung entfalten können, müssen sie an den Androgenrezeptor in den Zielzellen binden.
Bei einer Androgenrezeptorresistenz ist die Funktion dieses Rezeptors gestört. Dadurch können die Hormone ihre Wirkung nur eingeschränkt oder gar nicht entfalten, obwohl sie in ausreichender Menge vorhanden sind.
Die Erkrankung wird meist durch Veränderungen im AR-Gen verursacht, das auf dem X-Chromosom liegt. Deshalb betrifft eine klinisch relevante Androgenrezeptorresistenz nahezu ausschließlich Menschen mit männlichem Chromosomensatz (46,XY).
Welche Formen der Androgenrezeptorresistenz gibt es?
Je nachdem, wie stark die Funktion des Androgenrezeptors beeinträchtigt ist, werden verschiedene Formen unterschieden.
Komplette Androgenrezeptorresistenz (CAIS)
Bei der kompletten Form reagieren die Körperzellen praktisch nicht auf Androgene. Betroffene besitzen einen männlichen Chromosomensatz (46,XY), entwickeln jedoch äußerlich weibliche Geschlechtsmerkmale.
Partielle Androgenrezeptorresistenz (PAIS)
Bei der partiellen Form besteht noch eine teilweise Empfindlichkeit gegenüber Androgenen. Das Erscheinungsbild kann sehr unterschiedlich sein und reicht von leicht eingeschränkter Vermännlichung bis hin zu ausgeprägten Störungen der Geschlechtsentwicklung.
Milde Androgenrezeptorresistenz (MAIS)
Bei der milden Form sind die äußeren männlichen Geschlechtsmerkmale meist normal entwickelt. Beschwerden können sich beispielsweise durch eingeschränkte Fruchtbarkeit, Gynäkomastie oder eine verminderte Wirkung von Testosteron bemerkbar machen.
Welche Symptome können auftreten?
Die Beschwerden hängen vom Ausmaß der Androgenrezeptorresistenz ab.
Mögliche Symptome sind:
- ausbleibende oder unvollständige männliche Pubertätsentwicklung
- verminderter Bart- und Körperhaarwuchs
- Gynäkomastie
- eingeschränkte Fruchtbarkeit oder Unfruchtbarkeit
- kleine Hoden
- verminderte Muskelentwicklung
- eingeschränkte Wirkung von Testosteron trotz normaler Hormonwerte
Bei vollständigen Formen können sich bereits bei der Geburt Auffälligkeiten der Geschlechtsentwicklung zeigen.
Wie wird eine Androgenrezeptorresistenz diagnostiziert?
Die Diagnose basiert auf einer Kombination aus klinischen Befunden, Hormondiagnostik und genetischer Untersuchung.
Typischerweise werden unter anderem folgende Laborwerte bestimmt:
- Gesamttestosteron
- freies Testosteron
- LH
- FSH
- Estradiol
Häufig zeigen sich normale oder erhöhte Testosteronspiegel bei gleichzeitig erhöhtem LH, da der Körper versucht, die verminderte Hormonwirkung auszugleichen.
Die endgültige Diagnose erfolgt in der Regel durch den Nachweis einer Mutation im AR-Gen.
Wie unterscheidet sich eine Androgenrezeptorresistenz von einem Testosteronmangel?
Eine Androgenrezeptorresistenz und ein Testosteronmangel können ähnliche Beschwerden verursachen, unterscheiden sich jedoch grundlegend.
Bei einem Testosteronmangel produziert der Körper zu wenig Testosteron.
Bei einer Androgenrezeptorresistenz ist dagegen ausreichend oder sogar vermehrt Testosteron vorhanden, die Zielzellen können jedoch nicht angemessen darauf reagieren.
Die Bestimmung der Hormonwerte allein reicht daher nicht immer aus. Für die Diagnose müssen Beschwerden, Laborbefunde und gegebenenfalls genetische Untersuchungen gemeinsam beurteilt werden. Worin sich ein klassischer Testosteronmangel äußert und wie er behandelt wird, liest du in unserem Beitrag Testosteronmangel beim Mann: Ursachen, Symptome und Lösungen.
Wie wird eine Androgenrezeptorresistenz behandelt?
Die Behandlung richtet sich nach der Ausprägung der Erkrankung und den individuellen Beschwerden.
Je nach Form können verschiedene Maßnahmen erforderlich sein, beispielsweise:
- hormonelle Therapie
- operative Maßnahmen bei Störungen der Geschlechtsentwicklung
- Behandlung einer Gynäkomastie
- reproduktionsmedizinische Beratung bei Kinderwunsch
- genetische Beratung
Da es sich um eine seltene Erkrankung handelt, erfolgt die Betreuung häufig in spezialisierten endokrinologischen Zentren.
Welche Bedeutung hat die Androgenrezeptorresistenz im Alltag?
Die klassische Androgenrezeptorresistenz ist eine seltene genetische Erkrankung und unterscheidet sich deutlich von den häufigen Ursachen eines Testosteronmangels.
Daneben wird wissenschaftlich untersucht, ob natürliche genetische Unterschiede im Androgenrezeptor, beispielsweise sogenannte CAG-Repeat-Polymorphismen, die individuelle Empfindlichkeit gegenüber Testosteron beeinflussen. Ihre klinische Bedeutung im Alltag ist bislang jedoch nicht abschließend geklärt und spielt in der Routinediagnostik derzeit keine etablierte Rolle.
Fazit
Die Androgenrezeptorresistenz ist eine seltene angeborene Erkrankung, bei der die Körperzellen nur eingeschränkt auf Testosteron und DHT reagieren. Ursache sind Veränderungen des Androgenrezeptors, wodurch die Hormonwirkung trotz normaler oder erhöhter Testosteronspiegel vermindert ist.
Die Diagnose erfordert neben einer Hormondiagnostik häufig auch eine genetische Untersuchung. Die Behandlung richtet sich nach der Ausprägung der Erkrankung und den individuellen Beschwerden.

