Das „böse“ Testosteron: Wie ein Hormon zum Stigma wurde – und was die – Adon Health Zum Inhalt springen
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Das „böse“ Testosteron: Wie ein Hormon zum Stigma wurde – und was die Daten heute sagen

Kurz & knapp: Kaum ein Hormon hat einen so schlechten Ruf wie Testosteron – und kaum einer ist so schlecht begründet. Die Angst vor Prostatakrebs geht auf eine Arbeit aus dem Jahr 1941 zurück, deren entscheidende Schlussfolgerung auf einem einzigen Patienten beruhte. Später kamen die Fehlinterpretation einer Frauenstudie und einige methodisch schwache Arbeiten zum Herzrisiko hinzu. Mit der TRAVERSE-Studie von 2023 liegt inzwischen eine große randomisierte Untersuchung vor. Warum das Stigma trotzdem überlebt hat – und was es Patienten kostet.

Angefangen hat alles in den späten 1930er Jahren des letzten Jahrhunderts. Damals kamen die ersten Testosteronpräparate auf den Markt. Danach verweilte die Testosterontherapie bis in die 1980er und 1990er Jahre in einem tiefen Winterschlaf – aufgrund von Befürchtungen vor Prostatakrebs, die inzwischen widerlegt sind.

Dies ging so weit, dass Ärzte sich vor dem Verschreiben von Testosterontherapien fürchteten. Die Folge war paradox: Mehr Erfahrungen wurden in der dopenden Sportlerwelt gesammelt als in der Medizin. Ganz egal ob Bodybuilding, Leichtathletik oder Kampfsport – Testosteron wurde von Athleten eher missbraucht als gebraucht.

Wie ein Hormon zum Schlagwort wurde

Zudem wird Testosteron gern von den Medien für die Beschreibung bestimmter männlicher Verhaltensweisen oder Charaktere benutzt. Wenn ein aufregender Tag an der Börse war, liest man Formulierungen wie: „Heute war sehr viel Testosteron an der Börse." Objektiv betrachtet ist das Unsinn. Leider sind die Medien nicht immer auf Genauigkeit in ihrer Berichterstattung aus, sondern auf Klicks.

All das sorgt für viel Verwirrung – sogar unter der Ärzteschaft. Testosteron wird direkt stigmatisierend assoziiert mit Bodybuilding, „toxic masculinity" und Doping. Alles Dinge, mit denen ein Arzt in der Regel nichts zu tun haben möchte beziehungsweise nicht konfrontiert werden will (Traish, 2017).

Jeder meint, etwas über Testosteron zu wissen. Und meistens ist dieses begrenzte Wissen negativer Natur.

Umso größer ist das Paradoxon, das daraus entstanden ist. Denn der Testosteronspiegel ist mit einer bemerkenswerten Bandbreite von Krankheitsbildern assoziiert: Diabetes mellitus, metabolisches Syndrom, Adipositas, Osteoporose, Anämie, sexuelle Dysfunktion, Infertilität, kognitiver Abbau, rheumatische Erkrankungen – und mit der Gesamtsterblichkeit. Verglichen mit anderen Laborwerten vereint der Testosteronspiegel damit eine zugegebenermaßen sehr breite Aussagekraft.

Wieso wird dieses Hormon also weitgehend von der Schulmedizin unberührt gelassen? Ein Vergleich mit beliebigen anderen Medikamentengruppen – Antibiotika, Antipyretika – macht den Unterschied schnell deutlich. Es ist das schlechte Image (Morgentaler, 2014). Nicht selten gleicht der Wunsch nach einer Testosteronbestimmung bei der hausärztlichen Blutentnahme einer wahren Odyssee.

Der Ursprung: eine Studie, ein Patient

Testosteron erlitt in seiner Historie ein sehr unglückliches Timing. Bekannt geworden war es in den späten 1930er Jahren. Initial bezeichnete man es als potentes Medikament, um Hypogonadismus zu therapieren. Die Effekte wurden als weitgehend positiv beschrieben – bis 1941.

In diesem Jahr veröffentlichten Huggins und Hodges ihre bahnbrechende Arbeit zum Prostatakarzinom. Sie zeigten, dass eine deutliche Absenkung des Testosteronspiegels durch Kastration oder Östrogengabe metastasierte Prostatakarzinome zur Rückbildung brachte – eine Erkenntnis, für die Huggins später den Nobelpreis erhielt. Zusätzlich berichteten sie, dass die Gabe von exogenem Testosteron das Karzinom zum Wachsen brachte.

Und genau hier liegt der historische Kern des Problems: Diese zweite Schlussfolgerung beruhte auf den Ergebnissen eines einzigen Patienten (Morgentaler, 2006).

Wichtig ist die Unterscheidung, die dabei über Jahrzehnte verlorenging: Huggins und Hodges untersuchten Männer mit bereits bestehendem, metastasiertem Prostatakarzinom. Ihre Arbeit sagt nichts darüber aus, ob Testosteron ein Prostatakarzinom verursacht. Genau diese Verwechslung hat sich jedoch als Lehrmeinung etabliert.

Zahlreiche spätere Untersuchungen fanden keine Progression unter Testosterongabe. In klinischen Studien zeigte sich weder bei gesunden Männern noch bei Männern mit erhöhtem Risiko eine erhöhte Prostatakarzinom-Rate; longitudinale Studien fanden keinen Zusammenhang zwischen Serum-Testosteronspiegel und Karzinomrisiko, und Männer mit niedrigem Testosteron hatten kein vermindertes Risiko. Erklärt wird dieses scheinbare Paradoxon heute über das Sättigungsmodell: Die maximale Stimulation des Prostatagewebes wird bereits bei relativ niedrigen Testosteronkonzentrationen erreicht – darüber hinaus bewirkt mehr Testosteron nichts mehr (Morgentaler, 2006).

Der zweite Schlag: eine Frauenstudie

In den späten 1990er Jahren kam ein zunehmendes Bewusstsein für Anti- beziehungsweise Quality-Aging auf. Man war zunehmend der Meinung, dass man im Alter nicht zwingend fortlaufend gebrechlich und schwächer werden sollte, sondern auch in hohem Alter das Leben in vollen Zügen genießen dürfe. Testosteron wurde im Rahmen eines wachsenden Bewusstseins für die „Andropause" als effektives Medikament auserkoren. Der Enthusiasmus für das Hormon stieg erneut an.

2002 wurde dann die bis dahin umfangreichste randomisierte Studie zur Hormonersatztherapie bei Frauen veröffentlicht: die Women's Health Initiative. Sie war das Ergebnis eines zunehmenden Bewusstseins für die bis dahin untergeordnete Rolle der Frau in klinischen Studien. Das Ergebnis erbrachte die Schlagzeile, die Hormonersatztherapie sei gefährlich für Frauen – eine Einschätzung, die im Rahmen späterer Reanalysen deutlich relativiert wurde (Cagnacci & Venier, 2019). Dadurch verlor eine ganze Generation von Frauen die Möglichkeit zur Behandlung postmenopausaler Beschwerden.

Ungünstigerweise wurde dieses Credo parallel auf die männliche Hormonersatztherapie übertragen. Endokrinologen nahmen zunehmend Abstand von Hormonersatztherapien auch im Rahmen einer Andropause – obwohl die Studie weder Männer noch Testosteron untersucht hatte.

Der dritte Schlag: die Herz-Kreislauf-Debatte der 2010er Jahre

Es ging ebenso negativ weiter. In den frühen 2010er Jahren erschienen mehrere Arbeiten, die Testosteron mit einem erhöhten kardiovaskulären Risiko in Verbindung brachten. Diese Publikationen machten Negativschlagzeilen, sodass Testosteron erneut mediale Kritik erlitt.

Bei genauerem Hinsehen unterscheiden sich diese Arbeiten allerdings erheblich in ihrer Aussagekraft – und diese Differenzierung ist wichtiger als ein pauschales Urteil:

Die TOM-Studie von Basaria und Kollegen (2010) war eine randomisierte, placebokontrollierte Untersuchung, die vorzeitig abgebrochen wurde. Sie umfasste allerdings nur 209 Männer mit einem Durchschnittsalter von 74 Jahren, die sämtlich Mobilitätseinschränkungen und eine hohe Rate an Vorerkrankungen aufwiesen. Die Autoren selbst wiesen darauf hin, dass die geringe Größe und die sehr spezielle Population weitergehende Rückschlüsse auf die Sicherheit einer Testosterontherapie nicht zulassen.

Die Arbeit von Vigen und Kollegen (2013) war dagegen eine retrospektive Kohortenstudie an Veteranen nach Koronarangiographie – eine Beobachtungsstudie also, mit allen bekannten Schwächen. Sie musste zudem nach Bekanntwerden von Datenfehlern korrigiert werden.

Auch die Arbeit von Finkle und Kollegen (2014) war eine Auswertung von Verschreibungsdaten, keine kontrollierte Studie.

Man kann diese Arbeiten also nicht in einen Topf werfen. Was sie eint, ist nicht ihr Design, sondern ihre mediale Wirkung.

Wo die Evidenz heute steht

2023 wurde mit TRAVERSE die Studie veröffentlicht, auf die das Feld lange gewartet hatte: eine multizentrische, randomisierte, doppelblinde und placebokontrollierte Untersuchung an 5.246 Männern zwischen 45 und 80 Jahren mit Symptomen eines Hypogonadismus, zwei Testosteronwerten unter 300 ng/dl und bestehender oder drohender kardiovaskulärer Erkrankung.

Das Ergebnis: Der primäre kardiovaskuläre Endpunkt – kardiovaskulärer Tod, nicht-tödlicher Herzinfarkt oder nicht-tödlicher Schlaganfall – trat bei 7,0 Prozent in der Testosterongruppe und bei 7,3 Prozent in der Placebogruppe auf. Die Hazard Ratio lag bei 0,96 (95-%-Konfidenzintervall 0,78–1,17), womit die vorab definierte Nichtunterlegenheit erreicht wurde (Lincoff et al., 2023).

Damit ist die zentrale Sorge der 2010er Jahre entkräftet. Allerdings gehört zur vollständigen Darstellung, dass TRAVERSE in der Testosterongruppe höhere Raten an Vorhofflimmern, akutem Nierenversagen und Lungenembolien fand. TRAVERSE zeigt also, dass eine leitliniengerechte Testosterontherapie bei nachgewiesenem Mangel kardiovaskulär vertretbar ist – nicht, dass sie folgenlos ist. Sie bleibt eine ärztlich zu überwachende Therapie mit Kontrollintervallen, nicht ein Lifestyle-Präparat.

Wo die Schulmedizin an ihre Grenze kommt

Für die Behandlung von Krebs, Herzinfarkten, Diabetes mellitus, Transplantationen oder Schlaganfällen – also ernsthafte, lebensbedrohliche Erkrankungen – ist die moderne Medizin hervorragend geeignet.

Bei jungen bis mittelalten Männern, die objektiv kerngesund erscheinen, sich aber dennoch schwach, abgeschlagen und generell schlechter fühlen, als sie es eigentlich tun sollten, scheitert hingegen oft jeglicher Ansatz unserer herkömmlichen Schulmedizin. Und das schreibe ich als Schulmediziner, der stets um die Kenntnis aktueller Leitlinien bemüht ist.

Genau in dieser Lücke sitzt das Thema Hormonstatus – und genau dort wirkt sich das Stigma am konkretesten aus. Nicht als abstrakte Debatte, sondern als nicht angeforderter Laborwert.

Das heißt ausdrücklich nicht, dass Testosteron die Antwort auf jede Erschöpfung wäre. Die Symptome eines Testosteronmangels sind unspezifisch und überschneiden sich mit Schlafapnoe, Schilddrüsenerkrankungen, Eisenmangel und Depression. Es heißt lediglich, dass die Frage gestellt und der Wert bestimmt werden sollte – ergebnisoffen, morgens zwischen 7 und 11 Uhr und bei auffälligem Befund durch eine zweite Messung bestätigt.

Zum Reinhören:

Fazit

Das schlechte Image von Testosteron ruht auf drei historischen Ereignissen: einer Schlussfolgerung von 1941, die auf einem einzigen Patienten beruhte; einer Frauenstudie von 2002, deren Ergebnis ungeprüft auf Männer übertragen wurde; und einer Reihe methodisch sehr unterschiedlicher Arbeiten aus den 2010er Jahren, die medial in einen Topf geworfen wurden.

Keiner dieser drei Punkte hält einer heutigen Überprüfung stand. Mit TRAVERSE liegt seit 2023 eine große randomisierte Studie vor, die den zentralen Sicherheitsvorbehalt entkräftet – ohne die Therapie deshalb zur Bagatelle zu machen.

Was bleibt, ist eine schlichte Forderung: Testosteron sollte behandelt werden wie jeder andere Laborwert auch. Bestimmt, wenn die Symptome dazu passen. Interpretiert im Kontext. Und therapiert, wenn ein Mangel vorliegt.