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Shift Work & Hormonstörungen: Wie Schichtarbeit Männergesundheit beeinflusst

Inhaltsverzeichnis

    Schichtarbeit ist für viele Männer fester Bestandteil des Berufsalltags. Ob im Gesundheitswesen, in der Industrie, bei der Polizei oder Rettungsdiensten, Millionen Männer arbeiten regelmäßig nachts, frühmorgens oder in wechselnden Schichtsystemen. Was häufig unterschätzt wird, ist der erhebliche Einfluss dieser Arbeitsform auf den Hormonhaushalt und damit auf die Männergesundheit insgesamt.

    Viele Schichtarbeiter berichten über Müdigkeit, Schlafstörungen, Libidoverlust, Gewichtszunahme, Konzentrationsprobleme oder Stimmungsschwankungen. Nicht selten steckt hinter diesen Symptomen eine hormonelle Dysregulation, insbesondere ein erniedrigter Testosteronspiegel.

    Der folgende Beitrag erklärt, wie Schichtarbeit den Hormonhaushalt beeinflusst, welche Mechanismen dahinter stehen und worauf Männer achten sollten. Wenn Du Klarheit über Deine Hormonwerte erlangen möchtest, ist ein gezielter Labortest der sinnvolle erste Schritt. Auf Basis objektiver Blutwerte lässt sich beurteilen, ob eine hormonelle Dysregulation vorliegt und ob anschließend ein ärztliches Gespräch sinnvoll ist.

     

    Was versteht man unter Schichtarbeit

    Unter Schichtarbeit versteht man Arbeitszeiten außerhalb des klassischen Tagesrhythmus zwischen etwa 7 und 18 Uhr. Dazu zählen Frühschichten, Spätschichten, Nachtschichten sowie rotierende oder wechselnde Schichtsysteme. Besonders belastend für den Körper sind Nachtarbeit und häufig wechselnde Schichtfolgen, da sie den natürlichen biologischen Rhythmus dauerhaft stören können.

    Der menschliche Organismus ist evolutionär auf einen klaren Tag Nacht Zyklus ausgelegt (Duffy & Czeisler, 2009). Viele physiologische Prozesse folgen diesem sogenannten zirkadianen Rhythmus, darunter Schlaf-Wach-Steuerung, Körpertemperatur, Stoffwechsel und Hormonfreisetzung (Reddy et al., 2023).


    Der zirkadiane Rhythmus und seine hormonelle Bedeutung

    Der zirkadiane Rhythmus wird zentral im Hypothalamus gesteuert, genauer gesagt im suprachiasmatischen Nukleus (Reddy et al., 2023), einer kleinen, hochspezialisierten Region im Gehirn, die direkt oberhalb der Kreuzung der Sehnerven, dem sogenannten Chiasma opticum, sitzt. Über diese anatomische Nähe erhält der suprachiasmatische Nukleus direkte Lichtinformationen aus der Netzhaut und kann so als zentraler Zeitgeber den inneren biologischen Rhythmus an den Tag/Nacht Zyklus anpassen sowie die Ausschüttung von Hormonen wie Melatonin und Cortisol regulieren.

    Diese Hormone beeinflussen wiederum weitere hormonelle Achsen, insbesondere die Hypothalamus-Hypophysen-Gonaden-Achse (HPG-Achse), die für die Testosteronproduktion verantwortlich ist. Wird dieser Rhythmus dauerhaft gestört, kann es zu einer Fehlregulation mehrerer Hormonsysteme kommen (Czeisler et al., 1999).


    Wie Schichtarbeit den Testosteronspiegel beeinflusst

    Testosteron wird überwiegend nachts und in den frühen Morgenstunden produziert. Der höchste Spiegel findet sich bei gesunden Männern meist in den Morgenstunden (Brambilla et al., 2008). Voraussetzung dafür ist jedoch ein ausreichender und qualitativ guter Schlaf.

    Schichtarbeit führt häufig zu verkürztem Schlaf, fragmentiertem Schlaf und einer Verschiebung der Schlafphasen. Studien zeigen, dass bereits wenige Nächte mit Schlafmangel den Testosteronspiegel signifikant senken können (Leproult, 2011). Bei chronischer Schichtarbeit kann sich dieser Effekt dauerhaft manifestieren.

    Zusätzlich kommt es bei Nachtarbeit oft zu einer erhöhten Cortisolausschüttung. Cortisol wirkt antagonistisch zu Testosteron und kann dessen Wirkung auf Zellebene weiter abschwächen. Das Verhältnis zwischen anabolen und katabolen Hormonen verschiebt sich damit ungünstig (Touitou et al., 1990).


    Melatonin, Schlaf und hormonelle Regulation

    Melatonin spielt eine zentrale Rolle für Schlafqualität und zirkadiane Stabilität. Es wird normalerweise bei Dunkelheit ausgeschüttet und signalisiert dem Körper die Nachtphase. Künstliches Licht in der Nacht, insbesondere blaues Licht, unterdrückt die Melatoninfreisetzung deutlich (West et al., 2010).

    Bei Schichtarbeitern ist die nächtliche Melatoninausschüttung oft reduziert oder zeitlich verschoben. Dies beeinträchtigt nicht nur den Schlaf, sondern auch indirekt die Testosteronsynthese, da Melatonin mit der Regulation der Gonadenfunktion verknüpft ist (Luboshitzky et al., 2002).

     

    Weitere hormonelle Veränderungen durch Schichtarbeit

    Neben Testosteron sind häufig weitere Hormone betroffen:


    Cortisol

    Bei Schichtarbeit kommt es oft zu einem Verlust des normalen Tagesverlaufs von Cortisol. Statt eines morgendlichen Peaks und abendlichen Abfalls bleibt Cortisol erhöht (Weibel et al., 1996). Chronisch erhöhte Cortisolspiegel fördern Muskelabbau, Fettzunahme und Insulinresistenz (Abraham et al., 2013). 


    Insulin

    Schichtarbeit erhöht das Risiko für Insulinresistenz und Typ 2 Diabetes. Eine gestörte Glukosetoleranz wirkt sich wiederum negativ auf den Testosteronspiegel aus, da Hyperinsulinämie den SHBG Spiegel senken und die hormonelle Balance stören kann (Gan et al., 2014).


    Leptin und Ghrelin

    Schlafmangel verändert die Regulation von Hunger und Sättigung. Leptin sinkt, Ghrelin steigt (Gresser et al., 2025). Dies begünstigt Gewichtszunahme und viszerale Fettakkumulation, was wiederum die Umwandlung von Testosteron in Östrogen über die Aromatase fördert (Spiegel et al., 2004).


    Typische Symptome bei hormoneller Dysregulation durch Schichtarbeit

    Viele Symptome entwickeln sich schleichend und werden zunächst nicht mit dem Hormonhaushalt in Verbindung gebracht. Häufige Beschwerden sind:

    • chronische Müdigkeit trotz ausreichender Schlafdauer

    • Libidoverlust und erektile Dysfunktion (Rodriguez et al., 2020)

    • verminderte Leistungsfähigkeit und Kraft

    • Zunahme von Bauchfett (Potter et al., 2016)

    • Stimmungsschwankungen und Reizbarkeit (Zheng et al., 2024)

    • Konzentrations und Gedächtnisprobleme

    • reduzierte Stressresistenz

    Nicht jeder Schichtarbeiter entwickelt automatisch einen Testosteronmangel. Das Risiko steigt jedoch mit Dauer der Schichtarbeit, Anzahl der Nachtschichten und individueller Stressanfälligkeit (Viramgami et al., 2025).


    Diagnostik bei Schichtarbeitern

    Bei Männern mit Schichtarbeit und entsprechender Symptomatik sollte eine gezielte hormonelle Abklärung erfolgen. Wichtig ist dabei der richtige Zeitpunkt der Blutentnahme. Idealerweise erfolgt diese nach einer möglichst stabilen Schlafphase und nicht direkt nach einer Nachtschicht.

    Zu den relevanten Parametern gehören unter anderem:

    • Gesamttestosteron

    • freies Testosteron

    • SHBG

    • LH

    • Albumin

    • Cortisol

    • gegebenenfalls Melatonin im Spezialfall

    Die Interpretation der Werte sollte immer im klinischen Kontext erfolgen und nicht isoliert betrachtet werden.


    Wann ist für Schichtarbeiter der richtige Zeitpunkt für die Blutentnahme?

    Bei Männern mit regulärem Tag/Nacht Rhythmus wird die Blutabnahme für Testosteron üblicherweise morgens zwischen 8 und 11 Uhr empfohlen, da in diesem Zeitraum die höchsten Spiegel gemessen werden.

    Bei Schichtarbeitern ist dieser Zeitpunkt jedoch häufig nicht aussagekräftig, insbesondere nach Nacht- oder Wechselschichten.

    -> Für Schichtarbeiter gilt daher:

    Die Blutabnahme sollte nicht an die Uhrzeit, sondern an den individuellen Schlafwach- Rhythmus gekoppelt werden. Optimal ist eine Blutentnahme nach mindestens 7 bis 8 Stunden zusammenhängendem Schlaf, idealerweise innerhalb von ein bis drei Stunden nach dem Aufwachen, unabhängig davon, ob dies morgens, nachmittags oder abends erfolgt.


    Therapie und Präventionsansätze

    Nicht jede hormonelle Veränderung erfordert sofort eine medikamentöse Therapie. Häufig stehen zunächst Lebensstil und arbeitsbezogene Anpassungen im Vordergrund.

    Mögliche Maßnahmen sind:

    • Optimierung der Schlafhygiene auch bei Tageslicht

    • konsequente Dunkelheit im Schlafraum

    • Reduktion von Blaulicht vor dem Schlafen

    • strukturierte Essenszeiten

    • gezieltes Krafttraining

    • Stressmanagement

    Bei nachgewiesenem hypogonadalem Zustand kann eine Testosterontherapie sinnvoll sein. Diese Entscheidung sollte jedoch immer individuell und ärztlich begleitet getroffen werden.

    Mehr zum Thema Testosterontherapie findest Du in unserem Artikel „Testosteronersatztherapie: Alles, was Du wissen musst“.

     

    Schichtarbeit und langfristige Männergesundheit

    Langfristige Schichtarbeit ist nicht nur mit hormonellen Veränderungen assoziiert, sondern auch mit einem erhöhten Risiko für kardiovaskuläre Erkrankungen, metabolisches Syndrom und psychische Belastungen (Xi et al., 2025). Eine frühzeitige Sensibilisierung und regelmäßige medizinische Kontrollen sind daher essenziell.

    Gerade Männer, die über Jahre oder Jahrzehnte im Schichtdienst arbeiten, profitieren von einer proaktiven Auseinandersetzung mit ihrer Hormon- und Stoffwechsellage (Bayon et al., 2022).


    Unser Fazit, Dein Wissen

    Schichtarbeit stellt eine erhebliche Belastung für den männlichen Hormonhaushalt dar. Durch Störungen des zirkadianen Rhythmus können Testosteron, Cortisol und weitere Hormone aus dem Gleichgewicht geraten. Die Folge sind häufig unspezifische, aber alltagsrelevante Beschwerden, die die Lebensqualität deutlich beeinträchtigen können.

    Eine gezielte Diagnostik, ein bewusster Umgang mit Schlaf und Stress sowie eine individuelle ärztliche Begleitung sind entscheidend, um langfristige gesundheitliche Folgen zu vermeiden. Wer Symptome ernst nimmt und frühzeitig handelt, kann auch unter Schichtarbeit hormonell stabil und leistungsfähig bleiben.

    FAQS

    Quellen

    Abraham, S., Rubino, D., Sinaii, N., Ramsey, S., & Nieman, L. (2013). Cortisol, obesity, and the metabolic syndrome: A cross‐sectional study of obese subjects and review of the literature. Obesity, 21(1), E105-17. https://doi.org/10.1002/oby.20083

    Bayon, V., Berger, M., Solelhac, G., Haba-Rubio, J., Marques-Vidal, P., Strippoli, M., Preisig, M., Leger, D., & Heinzer, R. (2022). Impact of night and shift work on metabolic syndrome and its components: a cross-sectional study in an active middle-to-older-aged population-based sample. BMJ Open, 12(2), e053591. https://doi.org/10.1136/bmjopen-2021-053591

    Brambilla, D. J., Matsumoto, A. M., Araujo, A. B., & McKinlay, J. B. (2008). The effect of diurnal variation on clinical measurement of serum testosterone and other sex hormone levels in men. The Journal of Clinical Endocrinology & Metabolism, 94(3), 907–913. https://doi.org/10.1210/jc.2008-1902

    Czeisler, C. A., Duffy, J. F., Shanahan, T. L., Brown, E. N., Mitchell, J. F., Rimmer, D. W., Ronda, J. M., Silva, E. J., Allan, J. S., Emens, J. S., Dijk, D., & Kronauer, R. E. (1999). Stability, Precision, and Near-24-Hour period of the human circadian pacemaker. Science, 284(5423), 2177–2181. https://doi.org/10.1126/science.284.5423.2177

    Duffy, J. F., & Czeisler, C. A. (2009). Effect of light on human circadian physiology. Sleep Medicine Clinics, 4(2), 165–177. https://doi.org/10.1016/j.jsmc.2009.01.004

    Gan, Y., Yang, C., Tong, X., Sun, H., Cong, Y., Yin, X., Li, L., Cao, S., Dong, X., Gong, Y., Shi, O., Deng, J., Bi, H., & Lu, Z. (2014). Shift work and diabetes mellitus: a meta-analysis of observational studies. Occupational and Environmental Medicine, 72(1), 72–78. https://doi.org/10.1136/oemed-2014-102150

    Gresser, D., McLimans, K., Lee, S., & Morgan-Bathke, M. (2025). The Impact of Sleep Deprivation on Hunger-Related Hormones: A Meta-Analysis and Systematic Review. Obesities, 5(2), 48. https://doi.org/10.3390/obesities5020048

    Leproult, R. (2011). Effect of 1 week of sleep restriction on testosterone levels in young healthy men. JAMA, 305(21), 2173. https://doi.org/10.1001/jama.2011.710

    Luboshitzky, R., Shen-Orr, Z., & Herer, P. (2002). SEMINAL PLASMA MELATONIN AND GONADAL STEROIDS CONCENTRATIONS IN NORMAL MEN. Archives of Andrology, 48(3), 225–232. https://doi.org/10.1080/01485010252869324

    Potter, G. D. M., Skene, D. J., Arendt, J., Cade, J. E., Grant, P. J., & Hardie, L. J. (2016). Circadian rhythm and sleep disruption: causes, metabolic consequences, and countermeasures. Endocrine Reviews, 37(6), 584–608. https://doi.org/10.1210/er.2016-1083

    Reddy, S., Reddy, V., & Sharma, S. (2023, May 1). Physiology, circadian rhythm. StatPearls - NCBI Bookshelf. https://www.ncbi.nlm.nih.gov/books/NBK519507/

    Rodriguez, K. M., Kohn, T. P., Kohn, J. R., Sigalos, J. T., Kirby, E. W., Pickett, S. M., Pastuszak, A. W., & Lipshultz, L. I. (2020). Shift work Sleep disorder and night shift work significantly impair erectile function. The Journal of Sexual Medicine, 17(9), 1687–1693. https://doi.org/10.1016/j.jsxm.2020.06.009

    Spiegel, K., Tasali, E., Penev, P., & Van Cauter, E. (2004). Brief Communication: Sleep Curtailment in Healthy Young Men Is Associated with Decreased Leptin Levels, Elevated Ghrelin Levels, and Increased Hunger and Appetite. Annals of Internal Medicine, 141(11), 846–850. https://doi.org/10.7326/0003-4819-141-11-200412070-00008

    Touitou, Y., Motohashi, Y., Reinberg, A., Touitou, C., Bourdeleau, P., Bogdan, A., & AuzBy, A. (1990). Effect of shift work on the night-time secretory patterns of melatonin, prolactin, cortisol and testosterone. European Journal of Applied Physiology, 60(4), 288–292. https://doi.org/10.1007/bf00379398

    Viramgami, A., Balachandar, R., Bagepally, B. S., & Sheth, A. (2025). Study on the association between night shift work and reproductive functions among male workers: a systematic review and meta-analysis. Endocrine, 88(2), 410–419. https://doi.org/10.1007/s12020-025-04166-2

    Weibel, L., Spiegel, K., Follenius, M., Ehrhart, J., & Brandenberger, G. (1996). Internal dissociation of the circadian markers of the cortisol rhythm in night workers. American Journal of Physiology-Endocrinology and Metabolism, 270(4), E608–E613. https://doi.org/10.1152/ajpendo.1996.270.4.e608

    West, K. E., Jablonski, M. R., Warfield, B., Cecil, K. S., James, M., Ayers, M. A., Maida, J., Bowen, C., Sliney, D. H., Rollag, M. D., Hanifin, J. P., & Brainard, G. C. (2010). Blue light from light-emitting diodes elicits a dose-dependent suppression of melatonin in humans. Journal of Applied Physiology, 110(3), 619–626. https://doi.org/10.1152/japplphysiol.01413.2009

    Xi, J., Ma, W., Tao, Y., Zhang, X., Liu, L., & Wang, H. (2025). Association between night shift work and cardiovascular disease: a systematic review and dose-response meta-analysis. Frontiers in Public Health, 13, 1668848. https://doi.org/10.3389/fpubh.2025.1668848

    Zheng, Z., Pan, J., Chen, Z., Gao, P., Gao, J., Jiang, H., & Zhang, X. (2024). The association between shift work, shift work sleep disorders and premature ejaculation in male workers. BMC Public Health, 24(1), 1772. https://doi.org/10.1186/s12889-024-19141-1