Enhanced Games 2026: Warum die Normalisierung von Doping ein gefährlic – Adon Health Zum Inhalt springen
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Enhanced Games 2026: Warum die Normalisierung von Doping ein gefährlicher Irrweg ist

Enhanced Games 2026: Warum die Normalisierung von Doping ein gefährlicher Irrweg ist

Die Sportlandschaft 2026 ist geprägt von einem Spannungsfeld, das Athleten, Ärzte und die Gesellschaft gleichermaßen betrifft. Auf der einen Seite stehen Großereignisse wie die Olympischen Winterspiele in Cortina, bei denen Disziplin, Fairness und Leistungsbereitschaft nach wie vor als zentrale Werte gelten. Auf der anderen Seite drängt mit den sogenannten Enhanced Games ein Format in die Öffentlichkeit, das diese Werte bewusst infrage stellt und die Grenzen zwischen Sport, Medizin und pharmakologischer Leistungssteigerung gezielt verwischt.

Die Enhanced Games, geplant als Multi-Sport-Event in Las Vegas, erlauben den teilnehmenden Athleten ausdrücklich den Einsatz leistungssteigernder Substanzen. Die Initiatoren argumentieren mit dem Prinzip der körperlichen Autonomie. Aus ärztlicher und sportethischer Sicht ist diese Argumentation jedoch verkürzt und potenziell gefährlich. Nicht ohne Grund hat die WADA (World Anti-Doping Agency) das Format als „dangerous and irresponsible" verurteilt, und auch das IOC warnte, ein solches Konzept zerstöre jedes Fundament von Fair Play im Sport.

Therapie oder Enhancement? Eine Unterscheidung mit Tragweite

Die zentrale Problematik liegt in der Verwischung einer medizinisch und ethisch fundamentalen Grenze: der Unterscheidung zwischen Therapie und Enhancement. In der medizinischen Ethik bezeichnet Therapie die Wiederherstellung eines gesunden Normalzustands, während Enhancement die gezielte Steigerung von Fähigkeiten über das natürliche Maß hinaus meint (Juengst et al., 2018). Diese Unterscheidung ist kein abstraktes Konstrukt, sondern hat unmittelbare klinische Relevanz.

Die Testosterontherapie ist ein gutes Beispiel: Bei Männern mit Hypogonadismus, also einem laborchemisch gesicherten Testosteronmangel mit klinischen Beschwerden, ist die Hormonsubstitution eine leitliniengerechte medizinische Maßnahme. Die Endocrine Society empfiehlt in ihren Leitlinien ausdrücklich, die Diagnose nur bei konsistent niedrigen Serumtestosteronwerten und passender Symptomatik zu stellen (Bhasin et al., 2018). Das Ziel ist klar definiert: Wiederherstellung eines physiologischen Hormonbereichs und Verbesserung der Lebensqualität.

Die TRAVERSE-Studie, eine der größten randomisierten Studien zur kardiovaskulären Sicherheit der Testosteronersatztherapie, konnte zeigen, dass eine leitliniengerecht durchgeführte Substitution bei Männern mit Hypogonadismus nicht mit einem erhöhten Risiko für schwere kardiovaskuläre Ereignisse verbunden ist (Lincoff et al., 2023). Diese Ergebnisse unterstreichen: Wenn Testosterontherapie indiziert und ärztlich überwacht durchgeführt wird, ist sie eine sichere und evidenzbasierte Behandlung.

Etwas grundlegend anderes ist die supraphysiologische Gabe von Testosteron oder anderen anabolen Steroiden an gesunde Athleten zum Zweck der Leistungssteigerung. Bereits die wegweisende Studie von Bhasin et al. (1996) im New England Journal of Medicine zeigte, dass supraphysiologische Testosterondosen bei gesunden Männern zu dosisabhängigen Zunahmen von Muskelmasse und Kraft führen. Doch diese Effekte kommen nicht ohne Preis.

Gesundheitliche Risiken: Was die Forschung zeigt

Die wissenschaftliche Evidenz zu den Gesundheitsrisiken eines Missbrauchs anaboler Steroide ist eindeutig. Chronische supraphysiologische Exposition gegenüber anabolen androgenen Steroiden (AAS) ist mit schwerwiegenden kardiovaskulären Komplikationen assoziiert, darunter ventrikuläre Hypertrophie, Myokardfibrose, Atherosklerose und plötzlicher Herztod (Torrisi et al., 2024). Forensische Studien zeigen bei AAS-assoziierten Todesfällen regelmäßig pathologische Befunde wie linksventrikuläre Hypertrophie, Koronarthrombosen und dilatative Kardiomyopathie (Ferrara et al., 2025).

Eine umfassende Analyse im Fachjournal Circulation bestätigt, dass der Missbrauch anaboler Steroide mit einer erhöhten Mortalität assoziiert ist, wobei kardiovaskuläre Erkrankungen einen wesentlichen Anteil an den Todesfällen ausmachen (Horton et al., 2024). Diese Erkenntnisse betreffen nicht nur Hochleistungssportler. Die globale Lebenszeitprävalenz des AAS-Konsums liegt bei Männern bei etwa 6,4 %, bei Freizeitsportlern sogar bei 18,4 % (Sagoe et al., 2014). Die große Mehrheit der Konsumenten sind keine Wettkampfsportler, sondern junge bis mittelalte Männer, die diese Substanzen primär aus ästhetischen Gründen verwenden.

Gesellschaftliche Signalwirkung: Weit über den Spitzensport hinaus

Die Auswirkungen eines Formats wie der Enhanced Games reichen weit über den professionellen Sport hinaus. Sie senden Botschaften an Fitnesssportler, an junge Männer in sozialen Medien, an Menschen mit Unsicherheiten bezüglich Körperbild, Alterung und Männlichkeit. Die Gefahr liegt darin, dass medizinische Wissenschaft nicht mehr als Instrument zur Behandlung von Krankheit verstanden wird, sondern als Werkzeug zur systematischen Optimierung des Gesunden.

Diese Sorge ist empirisch fundiert. Pope et al. (2019) beschreiben im Journal of Clinical Endocrinology & Metabolism eine „verborgene Epidemie" des AAS-Missbrauchs unter jungen Männern, eng verknüpft mit Körperbildstörungen. Muskeldysmorphie, eine Unterform der körperdysmorphen Störung nach DSM-5, betrifft laut aktuellen Studien etwa jeden vierten männlichen Jugendlichen und jungen Erwachsenen in klinisch relevantem Ausmaß (Murray et al., 2025). Betroffene mit Steroidkonsum zeigen ausgeprägtere Körperbildstörungen, extremere Trainings- und Diätpraktiken und insgesamt mehr psychopathologische Auffälligkeiten (Pope et al., 2019).

Wenn ein hochprofiliertes Sportevent den Einsatz leistungssteigernder Substanzen nicht nur toleriert, sondern aktiv bewirbt, verstärkt dies genau jene gesellschaftlichen Dynamiken, die ohnehin bereits vulnerable Gruppen gefährden. Medizin verliert in der öffentlichen Wahrnehmung ihre primäre Orientierung am Patientenwohl und wird Teil eines Marktes für Selbstoptimierung und Wettbewerbsvorteile.

Autonomie und Abhängigkeit: Ein ethisches Spannungsfeld

Die Befürworter der Enhanced Games argumentieren häufig mit dem Recht auf körperliche Autonomie. Dieses Argument verdient ernsthafte Betrachtung, greift aber zu kurz, wenn es isoliert betrachtet wird. Autonome Entscheidungen setzen voraus, dass sie informiert, reflektiert und möglichst frei von sozialem oder psychischem Druck getroffen werden. Im Kontext anaboler Substanzen ist genau das häufig nicht gegeben.

Aus ärztlicher Sicht muss Autonomie immer im Zusammenspiel mit den Prinzipien der Fürsorge (beneficence), der Schadensvermeidung (non-maleficence) und der Aufklärung betrachtet werden, wie es die medizinethischen Grundprinzipien nach Beauchamp und Childress vorsehen. Ein liberaler Umgang mit leistungssteigernden Substanzen ist ethisch schwer vertretbar, wenn gleichzeitig erhebliche Risiken für Abhängigkeit, Fehlwahrnehmung und gesundheitliche Folgeschäden bestehen. Die Bioethik-Debatte um Enhancement, wie sie etwa von Savulescu und Kahane geführt wird, liefert zwar intellektuell anregende Argumente für eine Liberalisierung, vernachlässigt dabei jedoch häufig die empirische Realität vulnerabler Populationen (Juengst et al., 2018).

Der Vonn-Vergleich: Verletzungsrisiko ist nicht gleich Enhancement

Ein häufig vorgebrachtes Argument lautet: Wenn man einer Lindsey Vonn erlaubt, mit einem frisch gerissenen Kreuzband eine olympische Abfahrt zu bestreiten, habe man kaum noch Argumente gegen eine niedrig dosierte Testosterongabe unter ärztlicher Kontrolle. Dieser Vergleich wirkt auf den ersten Blick nachvollziehbar, greift aber bei genauerer Betrachtung zu kurz.

Es gibt einen wesentlichen Unterschied zwischen der Teilnahme eines Athleten trotz einer Verletzung unter Inkaufnahme eines individuellen Risikos und der gezielten medikamentösen Modifikation der Leistungsfähigkeit als Teil eines Wettkampfmodells. Im ersten Fall geht es um Sport trotz gesundheitlicher Einschränkung, eine persönliche Risikoentscheidung. Im zweiten Fall geht es um eine systemische Veränderung der Wettkampflogik, die Nachahmungsdruck erzeugt, medizinischen Wettbewerb fördert und langfristig die Erwartung etabliert, dass pharmakologische Optimierung zum Standard gehört.

Zudem ist der Begriff „niedrig dosiert" in diesem Kontext irreführend. Auch eine niedrig dosierte exogene Testosterongabe bei einem eugonadalen Athleten stellt eine leistungsrelevante Intervention dar. Die WADA vergibt Therapeutic Use Exemptions (TUE) für Testosteron nur in eng definierten Ausnahmefällen bei nachgewiesenem Hypogonadismus, und selbst dann gelten strenge Auflagen. Die Tatsache, dass ein anderer Athlet unter hohem Verletzungsrisiko antritt, liefert keine Rechtfertigung dafür, pharmakologisches Enhancement im Sport zu normalisieren.

Was wir uns für die Debatte erhoffen

Die Diskussion um die Enhanced Games ist nicht nur eine sportpolitische Frage, sondern berührt das Grundverständnis von Medizin, Gesundheit und ärztlicher Verantwortung. Drei Aspekte sind dabei besonders relevant:

Erstens: Begriffliche Klarheit. Die Debatte kann dazu beitragen, sauberer zwischen medizinischer Therapie, Prävention, Regeneration und Enhancement zu unterscheiden. Diese Differenzierung wird in der öffentlichen Diskussion häufig verwischt, ist aber für ärztliches Handeln und die Entscheidungsfindung der Patienten zentral.

Zweitens: Bewusstsein für vulnerable Gruppen. Es ist absehbar, dass insbesondere junge Männer, Fitnesssportler und Menschen mit Leistungs- oder Körperbilddruck für die Narrative eines solchen Formats empfänglich sind. Die Prävalenz von Muskeldysmorphie und AAS-Missbrauch in genau diesen Populationen unterstreicht die Dringlichkeit präventiver Maßnahmen (Pope et al., 2019; Sagoe et al., 2014).

Drittens: Schutz der medizinischen Integrität. Gerade im Bereich Testosteron ist es entscheidend, die Therapie nicht in den Sog von Leistungsfantasien, Lifestyle-Versprechen oder kommerzieller Vereinfachung geraten zu lassen. Die medizinisch indizierte Testosterontherapie bei gesichertem Mangel muss klar von jeder Form des Enhancements abgegrenzt bleiben, zum Schutz derjenigen Patienten, die eine legitime Behandlung benötigen.

Fazit

Die Enhanced Games mögen eine kritische Debatte über den modernen Leistungssport anstoßen. Doch aus der Existenz von Missständen im Anti-Doping-System zu folgern, man solle pharmakologische Leistungssteigerung normalisieren, ist keine Lösung, sondern eine Verschiebung der Norm mit potenziell weitreichenden gesundheitlichen und gesellschaftlichen Konsequenzen. Als Ärzte, als Sportler und als Gesellschaft tragen wir die Verantwortung, die Grenze zwischen medizinischer Therapie und Performance-Enhancement klar und konsequent zu verteidigen.

Unsere Empfehlungen für Dich 

Wenn Du tiefer in diese Themen einsteigen möchtest, findest Du in zwei Folgen unseres Podcasts „Männergesundheit" hilfreiche Perspektiven aus der Praxis.

Dr. Golo Röhrken, Arzt und Sportwissenschaftler mit eigener Erfahrung im Triathlon und Ironman, spricht in Folge 97 darüber, was sportliche Leistungsfähigkeit wirklich beeinflusst, jenseits von Substanzen und Schnellversprechen: Podcast #97: So optimierst Du Deine Performance wirklich

Die Frage, wo genau die Grenze zwischen medizinisch indizierter Therapie und Doping verläuft, beleuchten Dr. Eva Bunthoff (Vorstand der NADA) und Jutta Müller-Reul aus medizinischer Perspektive in Folge 76, eine der fundiertesten Einordnungen, die wir zu diesem Thema kennen: Podcast #76: Testosteron im Wettkampf: Was ist erlaubt?


Quellen

  1. Bhasin, S., Storer, T. W., Berman, N., et al. (1996). The Effects of Supraphysiologic Doses of Testosterone on Muscle Size and Strength in Normal Men. New England Journal of Medicine, 335(1), 1–7.
  2. Bhasin, S., Brito, J. P., Cunningham, G. R., et al. (2018). Testosterone Therapy in Men With Hypogonadism: An Endocrine Society Clinical Practice Guideline. Journal of Clinical Endocrinology & Metabolism, 103(5), 1715–1744.
  3. Beauchamp, T. L., & Childress, J. F. (2019). Principles of Biomedical Ethics (8th ed.). Oxford University Press.
  4. Ferrara, M., et al. (2025). Forensic approach in cases of anabolic-androgenic steroid abuse and cardiovascular mortality. Frontiers in Cardiovascular Medicine, 12, 1585205.
  5. Horton, D., et al. (2024). Cardiovascular Disease in Anabolic Androgenic Steroid Users. Circulation.
  6. Juengst, E. T., Moseley, D., & Greenberg, E. M. (2018). Limits to human enhancement: nature, disease, therapy or betterment? BMC Medical Ethics, 19, 4.
  7. Lincoff, A. M., Bhasin, S., Flevaris, P., et al. (2023). Cardiovascular Safety of Testosterone-Replacement Therapy. New England Journal of Medicine, 389(2), 107–117.
  8. Murray, S. B., et al. (2025). Muscle dysmorphia in adolescents and young adults. The Lancet Child & Adolescent Health.
  9. Pope, H. G., Kanayama, G., Athey, A., et al. (2019). The Health Threat Posed by the Hidden Epidemic of Anabolic Steroid Use and Body Image Disorders Among Young Men. Journal of Clinical Endocrinology & Metabolism, 104(4), 1069–1074.
  10. Sagoe, D., Molde, H., Andreassen, C. S., et al. (2014). The global epidemiology of anabolic-androgenic steroid use: A meta-analysis and meta-regression analysis. Annals of Epidemiology, 24(5), 383–398.
  11. Torrisi, M., et al. (2024). Impact of Anabolic–Androgenic Steroid Abuse on the Cardiovascular System: Molecular Mechanisms and Clinical Implications. International Journal of Molecular Sciences, 26(22), 11037.