TRT & Autoimmunerkrankungen: die Studienlage – Adon Health Zum Inhalt springen
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TRT und Autoimmunerkrankungen: Was die Daten zu Psoriasis, Morbus Crohn und Typ-1-Diabetes zeigen

Inhaltsverzeichnis

    Fachlich geprüft von Prof. h.c. Dr. Farid Saad

    Kurz & knapp: Zwischen chronischen Entzündungen und dem Testosteronspiegel besteht eine Wechselwirkung in beide Richtungen: Entzündungsbotenstoffe drosseln die Hormonproduktion, und ein niedriger Testosteronspiegel begünstigt wiederum entzündliche Prozesse. Zu Psoriasis, Morbus Crohn und Typ-1-Diabetes gibt es Beobachtungsstudien, in denen sich unter einer Testosterontherapie nicht nur die Hormonwerte, sondern auch Krankheitsaktivität und Entzündungsmarker verbesserten. Was sich daraus ableiten lässt und was nicht, ordnet dieser Beitrag ein.

    Männer mit einer Autoimmunerkrankung, die sich seit Jahren müde, antriebslos und weniger leistungsfähig fühlen, schreiben das meist der Grunderkrankung zu. Das ist naheliegend und oft richtig. Es gibt allerdings eine zweite Möglichkeit, die in der Routineversorgung selten geprüft wird: dass der Testosteronspiegel im Rahmen der chronischen Entzündung abgesunken ist – und dass ein Teil der Beschwerden daher rührt.

    Dieser Zusammenhang ist gut belegt. Was deutlich weniger gut belegt ist – und wo dieser Beitrag ehrlich bleiben muss –, ist die umgekehrte Frage: Ob eine Testosterontherapie den Verlauf der Autoimmunerkrankung selbst günstig beeinflusst.

    Warum Entzündung und Testosteron zusammenhängen

    Der erste Teil des Zusammenhangs ist gut untersucht. Entzündungsfördernde Botenstoffe – allen voran Tumornekrosefaktor-alpha (TNF-α) und Interleukin-6 – unterdrücken die Hypothalamus-Hypophysen-Gonaden-Achse, also jene Steuerungskette, über die der Körper die Testosteronproduktion reguliert. Läuft eine chronische Entzündung, sinkt der Testosteronspiegel. Das ist keine Nebensächlichkeit, sondern eine sinnvolle Anpassung: Der Körper priorisiert im Alarmzustand die Immunabwehr gegenüber der Fortpflanzung.

    Der zweite Teil ist weniger eindeutig, aber mechanistisch plausibel. Testosteron wirkt selbst auf das Immunsystem. Androgene hemmen die Differenzierung von CD4-T-Zellen in Richtung des entzündungsfördernden Th1-Typs und fördern die Bildung regulatorischer T-Zellen, die überschüssende Immunantworten bremsen. In Tiermodellen führte ein Ausgleich niedriger Testosteronspiegel zu geringerer Krankheitsschwere und niedrigerer Expression von TNF-α und Interleukin-6 (Nasser et al., 2015).

    Daraus ergibt sich eine Hypothese: Wenn chronische Entzündung den Testosteronspiegel senkt und niedriges Testosteron die Entzündung begünstigt, könnte ein Ausgleich des Hormonmangels diesen Kreislauf an einer Stelle unterbrechen. Genau das haben mehrere Beobachtungsstudien untersucht.

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    Psoriasis: PASI-Werte in einer Fallserie

    Die Schuppenflechte gilt heute nicht mehr als reine Hauterkrankung, sondern als systemische entzündliche Erkrankung mit hoher Begleiterkrankungsrate – insbesondere metabolisches Syndrom, Adipositas und Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Die Entzündungswege bei Psoriasis und Atherosklerose ähneln sich auffällig (Saad, Haider & Gooren, 2016).

    In einer Registerstudie mit 347 hypogonadalen Männern fanden sich 15 Männer mit einer vorbestehenden Psoriasis-Diagnose. Sie erhielten Testosteronundecanoat-Injektionen über einen Zeitraum von bis zu 93 Monaten. Der Psoriasis Area and Severity Index (PASI), das gängigste Maß für die Schwere der Erkrankung, sank im Mittel von 19,33 auf 1,88. Bei jedem einzelnen der 15 Patienten fiel der PASI um mindestens 75 Prozent – jene Schwelle, die in der Dermatologie als ausreichender Behandlungserfolg gilt. Der Physician Global Assessment sank von 4,93 auf 0,88. Das C-reaktive Protein als Entzündungsmarker ging ebenfalls signifikant zurück. Die Verbesserungen traten überwiegend in den ersten 24 Monaten ein und blieben danach stabil.

    Ein Detail ist für die Einordnung wichtig: Alle 15 Patienten verloren Gewicht. Bei Studienbeginn waren acht übergewichtig und sieben adipös; am Ende hatten vier der Übergewichtigen Normalgewicht erreicht, und alle Adipösen bis auf einen waren nur noch übergewichtig. Fettgewebe ist selbst eine Quelle entzündungsfördernder Botenstoffe. Ein Teil der Hautverbesserung könnte also auf die Gewichtsabnahme zurückgehen und nicht direkt auf das Testosteron.

    Morbus Crohn: zwei Untersuchungen, sieben Jahre Verlauf

    Zum Morbus Crohn liegen zwei Arbeiten derselben Arbeitsgruppe vor.

    Die erste war eine Pilotstudie an 13 Männern zwischen 45 und 67 Jahren mit einem Testosteronausgangswert von durchschnittlich 9,0 nmol/l. Auffällig war bereits der Ausgangsbefund: Ihr CRP lag bei 22,7 mg/dl gegenüber 3,5 mg/dl in einer Vergleichsgruppe von 107 hypogonadalen Männern ohne Morbus Crohn. Unter Testosterontherapie sank der Crohn's Disease Activity Index (CDAI) von 243 auf 89 – ein Wert unter 150 gilt als Ruhephase der Erkrankung. Das CRP fiel von 22,7 auf 6,9 mg/dl, die Leukozytenzahl sank, Hämoglobin und Hämatokrit stiegen an. Die Verbesserung trat über die ersten 15 Monate ein und stabilisierte sich danach (Haider et al., 2010).

    Die zweite, größere Arbeit umfasste 92 Männer aus Kliniken in Deutschland und Syrien, die bis zu sieben Jahre lang Testosteronundecanoat erhielten. Vierzehn Männer entschieden sich gegen die Therapie und dienten als Vergleichsgruppe. Nach 84 Monaten war der CDAI in der Testosterongruppe von 239,36 auf 71,67 gesunken, das hochsensitive CRP von 12,89 auf 1,78 mg/l, die Leukozytenzahl von 11,93 auf 6,21 × 10⁹/l. Auch die Leberwerte AST und ALT normalisierten sich weitgehend. In der Vergleichsgruppe zeigte sich keine dieser Veränderungen; das CRP tendierte dort eher nach oben (Nasser et al., 2015).

    Diese Vergleichsgruppe ist der methodisch interessanteste Teil der Arbeit – und zugleich ihre größte Schwäche. Vierzehn Männer sind wenig, und sie wurden nicht zufällig zugeteilt, sondern haben sich selbst gegen die Behandlung entschieden. Wer sich für eine Therapie entscheidet, unterscheidet sich systematisch von dem, der ablehnt.

    Typ-1-Diabetes: ein unfreiwilliges Experiment

    Dass Männer mit Typ-2-Diabetes häufig niedrige Testosteronwerte haben, ist gut belegt. Für den Typ-1-Diabetes galt das lange nicht – neuere Untersuchungen deuten jedoch darauf hin, dass etwa 10 Prozent der Männer mit Typ-1-Diabetes betroffen sind, vor allem ältere und übergewichtige (Saad et al., 2015).

    In einer Registerstudie mit 262 hypogonadalen Männern hatten neun einen Typ-1-Diabetes. Sie waren zwischen 52 und 68 Jahre alt, sieben von ihnen adipös. Unter Testosterontherapie sank das Gewicht im Mittel von 113,2 auf 95,4 kg, der Bauchumfang von 113,1 auf 100,7 cm, der Nüchternblutzucker von 9,54 auf 5,16 mmol/l. Der HbA1c-Wert – der Langzeitblutzucker – lag zu Beginn zwischen 8,4 und 9,7 Prozent und fiel unter Therapie auf Werte zwischen 5,7 und 6,9 Prozent.

    Der eigentlich aufschlussreiche Teil war ungeplant. Bei sieben der neun Männer wurde die Therapie unterbrochen – bei einem wegen einer Prostataerkrankung, bei sechs wegen Erstattungsproblemen. In dieser Pause stieg der HbA1c wieder auf Werte zwischen 7,2 und 9,1 Prozent, der Blutzucker kletterte, Gewicht und Bauchumfang nahmen zu. Nach Wiederaufnahme der Therapie besserten sich alle Werte erneut. Über die gesamte Beobachtungszeit von 80 Patientenjahren traten keine schwerwiegenden kardiovaskulären Ereignisse auf.

    Dieses unfreiwillige Absetzen und Wiederansetzen ist methodisch stärker als eine reine Vorher-Nachher-Betrachtung, weil ein zeitlicher Zusammenhang in beide Richtungen sichtbar wird. Bei neun Männern bleibt es dennoch eine Fallserie.

    Was diese Daten wert sind – und was nicht

    Hier ist Klartext angebracht, weil das Thema anfällig für Übertreibung ist.

    Keine dieser Untersuchungen ist eine randomisierte, placebokontrollierte Studie. Es handelt sich um Registerstudien, Pilotstudien und Fallserien mit 9 bis 92 Teilnehmern. Ohne Placebogruppe lässt sich nicht trennen, welcher Anteil der Verbesserung auf die Behandlung selbst zurückgeht und welcher auf Erwartungseffekte, die intensivere ärztliche Betreuung oder den natürlichen Verlauf der Erkrankung – und Morbus Crohn und Psoriasis verlaufen typischerweise in Schüben mit spontanen Besserungsphasen.

    Die Gewichtsabnahme ist ein durchgehender Störfaktor. In allen drei Krankheitsbildern verloren die Teilnehmer deutlich an Gewicht. Gewichtsreduktion senkt für sich genommen Entzündungsmarker und verbessert die Stoffwechsellage. Der Effekt des Testosterons lässt sich davon in diesen Studiendesigns nicht sauber trennen.

    Es fehlen Angaben zur Begleitmedikation. In der Typ-1-Diabetes-Fallserie etwa wurde nicht erfasst, ob sich die Insulindosis verändert hat. Ähnliches gilt für die immunsuppressive Therapie bei Morbus Crohn und Psoriasis.

    Was bleibt, ist ein konsistentes Signal über drei verschiedene Erkrankungen hinweg, das zu einem plausiblen biologischen Mechanismus passt – und das gut genug ist, um eine ordentliche Studie zu rechtfertigen. Es ist nicht gut genug, um daraus eine Behandlungsempfehlung abzuleiten.

    Was sich praktisch daraus ableiten lässt

    Eine Testosterontherapie ist keine Behandlung der Autoimmunerkrankung. Sie ersetzt weder Immunsuppressiva noch Biologika noch Insulin. Eine verordnete Medikation sollte niemals eigenmächtig abgesetzt oder reduziert werden, weil diese Daten es nahezulegen scheinen.

    Sinnvoll ist die umgekehrte Frage: Bei Männern mit einer chronisch entzündlichen Erkrankung, die zusätzlich Symptome eines Testosteronmangels zeigen – anhaltende Erschöpfung, Libidoverlust, Muskelabbau, gedrückte Stimmung, Erektionsprobleme –, ist eine Bestimmung des Hormonstatus gerechtfertigt. Denn ein Mangel ist unabhängig von seiner Ursache behandlungsbedürftig, und ein Teil der Beschwerden könnte daher rühren statt von der Grunderkrankung.

    Die Messung braucht Sorgfalt. Testosteron unterliegt einem Tagesrhythmus; die Blutabnahme sollte morgens zwischen 7 und 11 Uhr erfolgen. Ein einzelner Wert reicht nicht aus – ein auffälliger Befund gehört mit einer zweiten Messung bestätigt. Wichtig bei aktiver Entzündung: Ein akuter Schub kann den Wert vorübergehend drücken. Ein in der Schubphase gemessener niedriger Wert bedeutet nicht zwingend einen dauerhaften Mangel. Wie ein solcher Test abläuft, beschreibt unser Beitrag Testosteron testen: Der Bluttest.

    Die Grundlagen wirken in beide Richtungen. Gewicht, Schlaf und Bewegung beeinflussen sowohl den Hormonhaushalt als auch das Entzündungsgeschehen. Das ist der Hebel, bei dem die Evidenz am solidesten ist – und der unabhängig von jeder Hormontherapie zur Verfügung steht.

    Fazit

    Die Verbindung zwischen chronischer Entzündung und niedrigem Testosteron ist real und gut belegt. Dass ein Ausgleich des Hormonmangels auch die Autoimmunerkrankung günstig beeinflusst, ist eine begründete Hypothese mit ermutigenden, aber methodisch schwachen Daten aus einer einzigen Forschungsgruppe.

    Der vernünftige Umgang damit liegt in der Mitte zwischen Ignorieren und Überinterpretieren: Bei einer chronisch entzündlichen Erkrankung und passenden Symptomen ist es sinnvoll, den Testosteronwert bestimmen zu lassen. Ein nachgewiesener Mangel gehört behandelt, weil er behandlungsbedürftig ist. Und niemand sollte erwarten, dass Testosteron die Grunderkrankung heilt – dafür gibt es die etablierten Therapien, und die gehören in die Hand der behandelnden Fachärztin oder des behandelnden Facharztes.

     

    FAQS

    Quellen

    Haider, A., Kurtz, W., Giltay, E. J., Gooren, L. J., & Saad, F. (2010). Administration of testosterone to elderly hypogonadal men with Crohn's disease improves their Crohn's Disease Activity Index: A pilot study. Hormone Molecular Biology and Clinical Investigation, 2(3), 287–292. https://doi.org/10.1515/HMBCI.2010.033

    Nasser, M., Haider, A., Saad, F., Kurtz, W., Doros, G., Fijak, M., Vignozzi, L., & Gooren, L. (2015). Testosterone therapy in men with Crohn's disease improves the clinical course of the disease: Data from long-term observational registry study. Hormone Molecular Biology and Clinical Investigation, 22(3), 111–117. https://doi.org/10.1515/hmbci-2015-0014

    Saad, F., Haider, A., & Gooren, L. (2016). Hypogonadal men with psoriasis benefit from long-term testosterone replacement therapy – A series of 15 case reports. Andrologia, 48(3), 341–346. https://doi.org/10.1111/and.12452

    Saad, F., Yassin, A., Almehmadi, Y., Doros, G., & Gooren, L. (2015). Effects of long-term testosterone replacement therapy, with a temporary intermission, on glycemic control of nine hypogonadal men with type 1 diabetes mellitus – A series of case reports. The Aging Male, 18(3), 164–168. https://doi.org/10.3109/13685538.2015.1034687

    Wu, F. C. W., Tajar, A., Beynon, J. M., Pye, S. R., Silman, A. J., Finn, J. D., O'Neill, T. W., Bartfai, G., Casanueva, F. F., Forti, G., Giwercman, A., Han, T. S., Kula, K., Lean, M. E. J., Pendleton, N., Punab, M., Boonen, S., Vanderschueren, D., Labrie, F., & Huhtaniemi, I. T. (2010). Identification of late-onset hypogonadism in middle-aged and elderly men. The New England Journal of Medicine, 363(2), 123–135. https://doi.org/10.1056/NEJMoa0911101

    Kalinchenko, S. Y., Tishova, Y. A., Mskhalaya, G. J., Gooren, L. J. G., Giltay, E. J., & Saad, F. (2010). Effects of testosterone supplementation on markers of the metabolic syndrome and inflammation in hypogonadal men with the metabolic syndrome: The double-blinded placebo-controlled Moscow study. Clinical Endocrinology, 73(5), 602–612. https://doi.org/10.1111/j.1365-2265.2010.03845.x